Prof. Dr. Hans Martin Krämer

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Hans Martin Kraemer 2015

Zur Person

Hans Martin Krämer (Jahrgang 1972) hat an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Sophia-Universität in Tokyo und der Ruhr-Universität Bochum Geschichte, Japanologie und Philosophie studiert. Nach Forschungsaufenthalten an der Universität Tokyo, der Harvard University und dem Internationalen Forschungszentrum für japanischen Kultur in Kyoto war er von 2008 bis 2012 Juniorprofessor für Japanologie an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2012 ist er Professor für Japanologie (Schwerpunkt Geschichte/Gesellschaft) an der Universität Heidelberg.

Forschungsinteressen

Die 2005 eingereichte Dissertation hatte Hochschulreformen in Japan zwischen 1919 und 1952 zum Thema. Die 2006 veröffentlichte Arbeit korrigiert das gängige Bild von der Epochenwende, welche die Bildungsreformen unter US-amerikanischer Besatzung bedeutet hätten, und relativiert diese Einschätzung durch eine tiefgehende Analyse des Reformdiskurses und der Reformpraxis im Hochschulbereich vor 1945, insbesondere während der 1930er Jahre. In letzter Konsequenz stellt die Arbeit damit herkömmliche Auffassungen über die faschistische Epoche und die Nachkriegsdemokratie in Japan in Frage, insbesondere über die in den verschiedenen politischen Systemen dominanten gesellschaftlichen Wertevorstellungen.

Die 2012 eingereichte Habilitationsschrift behandelt die Entstehung des modernen Religionsbegriffs in Japan. Mittels einer begriffsgeschichtlich orientierten Untersuchung wird gezeigt, dass einseitige Annahmen der kulturellen Dominanz des Westens, die die christlich-protestantische Prägung des japanischen Religionsbegriffs betonen, zu kurz greifen. Vielmehr zeigen Analysen der frühneuzeitlichen Vorgeschichte der Neuprägung shūkyō 宗教 sowie der Debatten über Staat und Religion in der frühesten Meiji-Zeit (zwischen etwa 1868 und 1876), dass die Interessen japanischer Akteure von eigenen Motivlagen geprägt waren, die weitgehend unabhängig von der vermeintlichen halbkolonialen Abhängigkeit vom Westen waren. Die Schrift wird demnächst in überarbeiteter Fassung als englischsprachige Monographie erscheinen.

Weitere, durch vergangene oder in Arbeit befindliche Publikationen manifestierte, Forschungsinteressen berühren den neuzeitlichen Buddhismus, Islam in Japan, Christentum in Japan, die Geschichte der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, Sozialpolitik, vergleichende Faschismusforschung, Probleme der Moderne und der Modernisierung, Geschichte der Geschichtswissenschaft, die Beziehung von Mensch und Natur (insbesondere das Verhältnis von Mensch und Tier), Ernährung, Hochschulforschung und die japanische Linke.

Aktuelle Forschungsprojekte

1. Mahāyāna in Europa. Japanische Buddhisten und ihr Beitrag zum wissenschaftlichen Wissen über Buddhismus im Europa des 19. Jahrhunderts

Projekt1
Die Geschichte der europäischen Kenntnis des japanischen Buddhismus setzt nach aktuellem Forschungsstand frühestens mit dem Weltparlament der Religionen 1893, eigentlich erst mit der Rezeption von D.T. Suzuki, ein (Snodgrass 2003, McMahan 2008). Zwar hat zuletzt Urs App (2010, 2012) die zentrale Rolle der japanischen Jesuitenmission für das europäische Wissen über den Buddhismus im 16. bis 18. Jahrhundert betont, doch ist die Rolle des ostasiatischen Buddhismus in der qualitativ neuen europäischen Auseinandersetzung mit asiatischen Religionen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (anders als die des indischen Buddhismus oder des Hinduismus) weitgehend unaufgearbeitet.
 
Die Rezeption ist dabei nicht als einseitige Aufnahme seitens Europa zu verstehen, sondern vielmehr gilt es, die aktive Rolle von Ostasiaten, in der Frühzeit v.a. Japanern, zu betonen. So waren die Kontakte von Shimaji Mokurai 島地黙雷 mit Léon de Rosny (um 1870), von Nanjō Bun’yū 南条文雄 und Kasahara Kenju 笠原研寿 mit Friedrich Max Müller (um 1880) und Takakusu Junjirō 高楠順次郎 und Fujishima Ryōon 藤島了穏 mit Sylvain Lévi (um 1890) entscheidend für das Verständnis des Mahāyāna-Buddhismus durch europäische Orientalisten. Zugleich ist dies derselbe Zeitraum, in dem sich die Disziplin der Religionswissenschaft in Europa herausbildet und damit erstmals ein wissenschaftlicher Religionsbegriff verhandelt wird. Die spannende Frage, der sich das Projekt widmet, lautet daher, auf welche Weise von Ostasiaten vermittelte Kenntnisse ostasiatischer Religiosität gleich zu Beginn der Entstehung eines wissenschaftlichen Begriffs von Religion in Europa vermochten, diesen mitzuprägen.
Dieses Projekt wird ab April 2017 im Rahmen einer Sachbeihilfe (zwei Stellen für Mitarbeiter/innen) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden.
 

2. Spiritueller Pan-Asianismus: Die religiöse Dimension einer politischen Bewegung in Japan

Projekt2
Die Rolle des Asianismus oder Pan-Asianismus bei der Findung einer politischen und kulturellen Identität des modernen Japan ist in den letzten Jahren intensiv untersucht worden (z.B. Esenbel 2004, Aydin 2007, Hotta 2007, Saaler und Koschmann 2007, Saaler und Szpilman 2011). Dabei fällt aus religionswissenschaftlicher Perspektive ein methodologischer Säkularismus auf, das heißt, nicht streng rationaler, ökonomisch-politischer Motivation zuzuordnendes Handeln der historischen Akteure ist systematisch ausgeblendet worden – obwohl die Hinweise auf nicht bloß aus strategischen Gründen erfolgte Identifikation mit spirituellen oder religiösen Strömungen oder Gruppierungen zahlreich sind. Dabei ist gerade die aus säkularistischer Sicht verstörende fehlende Trennung „politischer“ und „religiöser“ Motive aus Sicht der Akteure selbst spannend.
 
Zu denken ist zum einen in institutioneller Perspektive etwa an japanische Moslems, die Geheimgesellschaft Kokuryūkai 黒竜会, die Bewegung der Theosophen in Japan, Baha’i-Anhänger, einen Teil der neuen religiösen Bewegungen (z.B. die japanische Ōmotokyō 大本教 oder die chinesische Shijie hongwanzi hui 世界紅卍字会). Zum anderen gibt es eine ganze Reihe von Individuen, die auf jeweils unterschiedliche Art politische Anliegen des Asianismus mit religiösen Zielen verbinden; viele von diesen eint ein besonderes Engagement im antikolonialen Befreiungskampf in Indien, das sich mit einer Begeisterung für eine pan-asiatische Religiosität verbindet. Hier sind etwa zu nennen James Cousins, Paul Richard, Ōkawa Shūmei 大川周明 oder Tanaka Ippei 田中逸平. Ein besonders spannender und wenig bekannter Fall ist der des Franzosen Paul Richard, der als ehemaliger protestantischer Pfarrer ein Protagonist theosophischer Kreise in Paris, der in Südindien mit dem Politaktivisten und späteren Guru Sri Aurobindo zusammentrifft und sich mit seiner Frau, der späteren spirituellen Führerin des Sri Aurobindo Ashram, ab 1914 vier Jahre in Japan aufhält. Dort entfaltet er eine rege Tätigkeit im Dienste der antikolonialen Befreiungsbewegung, zugleich immer von der Vision einer befreienden Religiosität beseelt. Die in Europa, Indien und Japan verstreuten Veröffentlichungen und Hinterlassenschaften Richards zu sammeln und auszuwerten ist eines der ersten Ziele dieses Projekts, für das bereits kooperierende Forscher aus Japan, den USA, Indien, China und verschiedenen europäischen Ländern gewonnen werden konnten.
 

3. Linke Theorie und Praxis in einem Arbeiterviertel: Das Settlement der Universität Tōkyō, 1923–1938

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Im Jahr 1923 gründeten Professoren und studentische Aktivisten der Universität Tōkyō ein Settlement-Haus in Honjo, einem verarmten Arbeiterviertel der Stadt. Obwohl das Settlement-Haus, das bis 1938 in Betrieb war, auch den Charakter eine Wohlfahrtseinrichtung hatte, sollte zugleich eine autonome Arbeiterbewegung geschaffen werden. Der Jura-Professor und Initiator des Settlement Suehiro Izutarō strebte an, dass das Proletariat „gesellschaftliche Missstände durch seine eigene Initiative beheben“ und „unabhängig Ausbeutung bekämpfen“ solle.
 
Das Settlement wurde finanziell unterstützt u.a. vom Kaiserhaus und dem Innenministerium; nichtsdestotrotz waren die meisten dort aktiven Studierenden Marxisten mit Verbindungen zu der linken studentischen Gruppierung Shinjinkai. Die ehrgeizigen Aktivitäten im Settlement umfassten u.a. eine Abendschule für Arbeiter, ein Erwachsenenbildungsprogramm, eine Nachmittagsbetreuung für Schulkinder, einen Hort für Vorschulkinder, kostenlose Rechtsberatung, kostenlose medizinische Versorgung sowie eine Verbraucherkooperative. Darüber hinaus gab es Wohnraum für Studenten der Universität Tōkyō, die so in unmittelbarer Nachbarschaft des Proletariats, somit des revolutionären Subjekts, leben konnten.
 
In diesem Projekt, das derzeit als kleine Arbeitsgruppe um Bruce Gordon Grover, Till Knaudt und Hans Martin Krämer betrieben wird, steht zunächst die Arbeitererziehung als wichtigstes Mittel des Settlement, die Armen der Stadt durch unabhängige Bildungsmaßnahmen aufzuklären und zu mobilisieren, im Mittelpunkt. Doch auch die Kontexte der (öffentlichen und privaten) Wohlfahrtsbemühungen der Zeit sowie der marxistischen Ideen (viele der Settler konvertierten in den 1930er Jahren zur Rechten) sollen behandelt werden. Hier stellt sich nicht zuletzt die Frage nach dem Etatismus der japanischen Linken der Vorkriegszeit, der eine Hinwendung zum Staat als Agenten sozialen Wandels und zum ethnischen Nationalismus vermutlich erleichterte.
 

4. Zur Sozialgeschichte der Mensch-Tier-Beziehung in der Edo-Zeit

Projekt3
Untersuchungen über japanische Einstellungen zu Tieren in der Gegenwart konstatieren ein irritierendes Zusammentreffen verschiedener Faktoren wie einen hohen Konsum von Tierprodukten (Fleisch, Leder, Tierversuche) auf der einen Seite, auf der anderen Seite das nahezu vollständige Fehlen von typischen Gegenreaktionen (Tierschutzbewegung, Vegetarismus). Ein Erklärungsansatz, prominent theoretisiert etwa von Richard W. Bulliet (Hunters, Herders, and Hamburgers, 2006), argumentiert, das Fehlen alltäglichen Umgangs mit Nutztieren in der Vergangenheit habe die japanische Gesellschaft nicht hinreichend für die Probleme der massenhaften Nutzung von Tieren vorbereitet; mindestens jedenfalls fehle der sozialpsychologisch traumatische Übergang vom intimen Zusammenleben mit Tieren zur modernen Distanz zu Nutztieren bei gleichzeitig gestiegener Intensität der Nutzung mit Todesfolge.
 
So plausibel dieser Erklärungsansatz ist, er geht mehr oder weniger unhinterfragt von der Abwesenheit eines intensiven alltäglichen Umgangs mit Tieren im Japan vor dem 19. Jahrhundert aus. Tatsächlich ist der Umgang mit Tieren im Japan etwa der Frühen Neuzeit jenseits des Hinweises auf die fehlende Massenviehhaltung kaum erforscht. In welchem Umfang wurden Tiere im Alltagsleben, insbesondere in der Landwirtschaft, tatsächlich genutzt? Wie eng war das Zusammenleben von Mensch und (Nutz-)Tier? Die Beantwortung dieser Frage wirft v.a. Quellenprobleme auf. In dem vorliegenden Projekt wird ein erster Zugang über landwirtschaftliche Anleitungsschriften (nōsho) gesucht. Nur wenige dieser Schriften, die in der Edo-Zeit (1603–1868) ein umfangreiches Genre bildeten, behandeln schwerpunktmäßig Tiere, doch in vielen gibt es einzelne Kapitel, Abschnitte oder Hinweise. Diese sollen, zunächst auf der Grundlage der großen Edition Nihon nōsho zenshū 日本農書全集 (72 Bde.), ausgewertet werden, bevor in einem späteren Schritt weitere schriftliche und visuelle Quellen hinzugezogen werden.

Publikationen

Wichtige Publikationen

relidyn  
shimaji  
Cover_JAS_73(3)  
Cover_SSJJ_16(1)  
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Weitere Publikationen

Eine vollständige Liste der Publikationen ist verfügbar in der Heidelberger Universitätsbibliographie.
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Letzte Änderung: 27.10.2016
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