Mahāyāna in Europa. Japanische Buddhisten und ihr Beitrag zum wissenschaftlichen Wissen über Buddhismus im Europa des 19. Jahrhunderts

Inhalt des Projekts

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wuchs die Popularität des Buddhismus in Europa. Im Zuge der Lebensreformbewegung, in der Themen wie Frieden, Vegetarismus oder Tierrechte propagiert wurden, konvertierten Angehörige der städtischen Oberschichten zum Buddhismus. Breitere Popularität erlangte der Buddhismus im Westen dann in Gestalt des durch D.T. Suzuki popularisierten Zen-Buddhismus zunächst in der Zwischenkriegszeit in den USA, nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend auch in Westeuropa.

Doch die Geschichte der Kenntnis des Buddhismus in Europa beginnt schon im 18. Jahrhundert, mit der Erschließung alter Sanskrit- und Pali-Texte durch die ersten britischen, französischen und deutschen Indologen, und erreicht in den philologischen Wissenschaften einen ersten Höhepunkt im 19. Jahrhundert, als sich auch die Vorstellung von „Weltreligionen“ herausbildet, zu denen der Buddhismus ohne Zweifel von Beginn an gehörte. Die bisherige Forschung hat das Bild einer orientalistischen Konstruktion des Buddhismus in Europa im 19. Jahrhundert gezeichnet. In der frühen europäischen Rezeption sei der Buddhismus als Philosophie betrachtet worden; spätere Formen des Buddhismus, wie der gegenwärtig gelebte in Ostasien, seien als Degenerationserscheinungen bewertet worden. Dieses in Europa konstruierte Bild habe wiederum auf die Buddhismen in Asien eingewirkt, die daraufhin vielfache Prozesse innerer Reform angestoßen hätten.

Dagegen muss festgestellt werden, dass der Prozess der Konstruktion „des Buddhismus“ bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein globaler war, an dem nicht nur europäische Akteure beteiligt waren. Insbesondere die Aktivitäten gelehrter asiatischer Buddhisten in Europa hatten nämlich Auswirkungen auf das wissenschaftliche Verständnis von Buddhismus. Hier sind an erster (nämlich frühester) Stelle japanische Buddhisten zu nennen, die Europa seit den 1870er Jahren bereisten, zumeist um bei europäischen Orientalisten philologische Methoden zu lernen, die ihnen beim Studium der grundlegenden Schriften ihrer eigenen Schulen helfen sollten. Tatsächlich traten diese japanischen „Schüler“, die größtenteils den Reine-Land-Schulen angehörten (entweder Jōdo shū oder Jōdo shinshū), in einen intensiven Austauschprozess mit ihren europäischen „Lehrern“ ein, von welchem diese nicht unbeeinflusst blieben.

Die wichtigsten dieser japanischen Buddhisten in Europa und die jeweiligen europäischen Gelehrten, mit denen sie in direktem Kontakt standen, waren:

 

  • 1872: Shimaji Mokurai 島地黙雷(1838–1911) bei Léon de Rosny (1837–1914)
  • 1876 bis 1884: Nanjō Bun’yū 南条文雄 (1849–1927) bei Friedrich Max Müller (1823–1900)
  • 1876 bis 1882: Kasahara Kenju (1852–1883) bei Friedrich Max Müller
  • 1880er Jahre: Fujishima Ryōon (1852–1918) bei Sylvain Lévi (1863–1935)
  • 1890er Jahre: Takakusu Junjirō 高楠順次郎 (1866–1945) bei Friedrich Max Müller, Sylvain Lévi und Hermann Oldenberg (1854–1920)
  • um 1900: Fujieda Takutsū 藤枝沢通 (1861–1920) bei Sylvain Lévi
  • um 1900: Sakaki Ryōzaburō 榊亮三郎 (1872–1946) bei Sylvain Lévi
  • um 1900: Ogiwara Unrai 荻原雲来 bei Ernst Leumann (1859–1931)
  • um 1900: Watanabe Kaigyoku 渡辺海旭 bei Ernst Leumann

Das vorliegende Projekt verfolgt insgesamt das Ziel, das Bild europäischen Wissens über den Buddhismus im späten 19. Jahrhundert um einen entscheidenden Aspekt zu erweitern, nämlich den des direkten Transfers von Wissen durch asiatische Buddhisten, insbesondere japanische Kleriker. Dabei interessiert insbesondere, welche Wirkung dieser asiatische Beitrag zum europäischen Wissen für das Bild des Buddhismus in der frühen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Religion in Europa hatte, sowie letztlich, wie wissenschaftliche Konzeptualisierungen von Religion insgesamt in Europa dadurch beeinflusst wurden. Die Grundannahme ist, dass die Art und Weise, wie japanische Buddhisten ihre Religion in Europa präsentierten, sich mit einem größeren Trend zur Spiritualisierung von Religion deckte: Asiatische Religionsvertreter waren von diesem Trend bereits beeinflusst, trugen aber auch selbst zu seiner Verstärkung bei. Fernziel des Projekts ist es also, einen Beitrag dazu zu leisten, aufzuzeigen, wie sehr das globale Wissen über Religion bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts verwoben (entangled) war.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Mittel für drei Jahre zur Verfügung gestellt, damit diese Fragen im Rahmen des Projekts „Mahāyāna in Europa. Japanische Buddhisten und ihr Beitrag zum wissenschaftlichen Wissen über Buddhismus im Europa des 19. Jahrhunderts“ an der Universität Heidelberg beantwortet werden können. Während der Laufzeit des Projekts, 1. April 2017 bis 31. März 2020, wird ein Team von drei Wissenschaftlern unterstützt von wissenschaftlichen Hilfskräften am Institut für Japanologie der Universität Heidelberg die Frage des Beitrages japanischer Buddhisten zum europäischen Wissen über Buddhismus vor 1900 systematisch untersuchen.

Vorstellung des Teams

Mahayana Team
Böhme, Clara (04/2018–03/2020)
  • Zuständig für die frühe Buddhismusforschung, Orientalistik und Religionswissenschaft in Europa und ihre Quellen, besonders die Rezeption von Publikationen japanischer Buddhisten durch westliche Gelehrte
  • 2016 M.A. Religionswissenschaft mit Nebenfach Mittlere und Neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen
  • Titel der M.A. Arbeit: „Religionspolitik in der Meiji-Zeit: Shintō und Buddhismus“
Harlass, Ulrich (04/2017–03/2018)
  • Zuständig für die frühe Buddhismusforschung, Orientalistik und Religionswissenschaft in Europa und ihre Quellen, besonders die Rezeption von Publikationen japanischer Buddhisten durch westliche Gelehrte
  • 2012 M.A. Religionswissenschaft mit Nebenfach Indologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • Titel der M.A. Arbeit: „Saiva-Siddhanta und westliche Esoterik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Die Rezeption der Theosophie in der Zeitschrift Siddhanta Deepika“
  • Thema des Promotionsvorhabens: „Westliche Okkultisten und Indische Meister: Der Einfluss von A.P. Sinnett auf den Esoterikdiskurs im Indien des späten 19. Jahrhundert“
Janzen, Violetta (09/2018–03/2020)
  • Wissenschaftliche Hilfskraft
  • Masterstudierende der Japanologie mit Nebenfach Transcultural Studies
  • 2016 B.A. Ostasienwissenschaften mit Schwerpunkt Japanologie, Nebenfach Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • Titel der B.A. Arbeit: „Das Yoshiwara als konstruierte ‚Traumwelt‘ und seine Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen innerhalb Edos“
  • Zuständig für die direkten Kontakte japanischer Buddhisten mit europäischen Gelehrten sowie das Gesamtkonzept des Projekts
  • Professor für Japanologie (Schwerpunkt Geschichte/Gesellschaft) an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • Habilitationsschrift (2012) veröffentlicht als: “Shimaji Mokurai and the Reconception of Religion and the Secular in Modern Japan”
  • Zuständig für die Entwicklung des Meiji-zeitlichen Buddhismusdiskurses und seiner Quellen, im Besonderen der Zeitschriften
  • 2012 PhD in Buddhist Studies an der School of Oriental and African Studies an der University of London
  • Titel der Dissertation: „The Imperfectible Body: Esoteric Transmissions in Medieval Sōtō Zen Buddhism”
May, Julia (04/2017–09/2018)
  • Wissenschaftliche Hilfskraft
  • Doktorandin am Heidelberger Centrum für Transkulturelle Studien
  • 2018 M.A. Japanologie mit Nebenfach Politische Wissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • Titel der M.A. Arbeit: „‚O-kuni no tame‘? Japanische ‚Trostfrauen‘, die vergessenen Opfer des Pazifischen Krieges“

Aktivitäten

  • Vortrag Krämer, 15.November 2014, „Bringing the Pure Land to Europe: Max Müller and His Japanese Interlocutors“ (Workshop Friedrich Max Müller and His Asian Interlocutors: Academic Knowledge about ‘Oriental Religions’ in Late Nineteenth-Century Europe, Heidelberg)
  • Vortrag Krämer 29. Januar 2015, „Mahāyāna in Europe: The Transcultural Construction of the Concept of Religion in Nineteenth-Century European Scholarship on East Asian Buddhism“ (Heidelberg Center for Transcultural Studies Dinner Talk, Heidelberg)
  • Vortrag Krämer 29. Januar 2016, „Orientalism and the Study of Lived Religions: The Case of Studies of Japan, 1870s to 1890s“ (Tagung Scholarly Personae in the History of Orientalism, 1870–1930, Leiden)
  • Vortrag Krämer 3. Juni 2016, „Europäisches Wissen über japanische Religionen vor 1920“ (Heidelberg-Tübingen Japan Workshop, Heidelberg)
  • Workshop in Heidelberg am 3./4. November 2017
    • Micah Auerback, „Seminaries of the Jōdo Shinshū in Early Meiji Japan“
    • Orion Klautau, „Guiding a Great Vehicle: The Mahāyāna and Buddhist Studies in Meiji Japan“
    • Mick Deneckere, „Ishikawa Shuntai’s Introduction of the Concept of ‘science de religion’“
    • John Harding, „The Reception of Japanese Buddhism in North America before 1900“
    • Roland Lardinois, „Sylvain Lévi and the Configuration of Indo-Chinese Studies in France ca. 1900“
    • Martin Baumann, „The Reception of Theravada Buddhism in Europe in the Long Nineteenth Century“
    • Hans Martin Krämer, „The ‚Spiritualization‘ of Religion Around 1900 and Japanese Buddhism“
  • Vortrag Licha, 08. Dezember 2017, „Mahāyāna in Europe: Japanese Buddhists and Their Contribution to Academic Knowledge on Buddhism in Nineteenth-Century Europe“ (Tagung 明治仏教の国際化に関する共同研究への展望, Kyōto)
  • Vortrag Krämer, 23. Februar 2018, „Faith/Belief as Identity Marker for Buddhism in Modern Japan“ (Workshop From Trustworthiness to Secular Beliefs – Changing Concepts of xin 信 from Traditional to Modern Chinese, Berlin)
  • Vortrag Krämer, 8. Juni 2018, „Mahāyāna in Europa. Der Beitrag japanischer Buddhisten zum wissenschaftlichen Wissen über Buddhismus und dem Verständnis von Religion in Europa vor 1900“ (Tagung des Promotionskollegs Globale Religionsgeschichte aus regionaler Perspektive. Eine Übersicht über die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts (ca. 1850–1914), Heidelberg)
  • Vortrag Krämer, 19. Juli 2018, „‚Even Three-Year-Old Children Know that the Source of Enlightenment Is not Religion but Science‘: Modern Japanese Buddhism between ‚Religion‘ and ‚Science,‘ 1860s–1910s“ (Tagung Secularities in Japan, Leipzig)
  • Panel „Mahāyāna in Europe – Japanese Buddhists and their Contribution to Academic Knowledge on Buddhism in Nineteenth-Century Europe“ auf der Jahrestagung der British Association for Japanese Studies in Sheffield am 6. September 2018
    • Stephan Kigensan Licha, „Naturalising Enlightenment – Buddhist Legitimisation Strategies in Early Meiji Japan“
    • Hans Martin Krämer, „19th Century European Orientalists and Their Japanese Interlocutors“
    • Ulrich Harlass, „The Discovery of Japanese Buddhism as Part of the World Religion ‚Buddhism‘?“
  • Vortrag Krämer, 26. Oktober 2018, 近代日本仏教の西洋的起源―19世紀における日欧交流史の一側面 („Die westlichen Ursprünge des modernen japanischen Buddhismus – Ein Aspekt der Austauschgeschichte zwischen Japan und Europa im 19. Jahrhundert“) (Reihe Nichi Doku Joint Lecture, Kyōto)
  • Vortrag Krämer, 2. November 2018, 19世紀グローバル宗教史の中の日本仏教―近代的挑戦と浄土真宗― („Der japanische Buddhismus innerhalb der globalen Religionsgeschichte des 19. Jahrhunderts – Die Jōdo Shinshū und die modernen Herausforderungen“) (Workshop 日本仏教と西洋/世界の19世紀―真宗僧侶を中心として―, Kyōto)
  • Vortrag aller Projektmitglieder, 10. Dezember 2018, „Mahayana in Europa – ein Projekt stellt sich vor“ (Institut für Japanologie, Heidelberg)

Veröffentlichungen

  • Krämer, Hans Martin. „Orientalism and the Study of Lived Religions: The Japanese Contribution to European Models of Scholarship on Japan Around 1900“. In: Christiaan Engberts und Hermann Paul (Hrsg.): Scholarly Personae in the History of Orientalism, 1870–1930. Erscheint demnächst bei Brill.

 

 

Zuletzt bearbeitet von:: SV
Letzte Änderung: 31.05.2019
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